Meister des hintersinnigen Humors

Veröffentlicht: Dienstag, 20. September 2005 Geschrieben von Detlef Lang
Meister des hintersinnigen Humors

USLAR. Ein ganz Großer der deutschen Nachkriegsliteratur war am Freitagabend in Uslar zu Gast. Auf Einladung des Literatur- und Kunstkreises Uslar las der Schriftsteller Walter Kempowski aus seinem 2003 erschienen Roman "Letzte Grüße". Es war bereits die dritte Autorenlesung des heute 76-Jährigen in der Sollingstadt. 100 Zuhörer zog Kempowski in der ausverkauften Schalterhalle der Volksbank in seinen Bann.

"Im Fernsehen sieht Sowtschick in einem kurzen Beitrag, wie die Menschen in Berlin durch die geöffnete Mauer strömen. Es ist der 9. November 1989. Er öffnet seinen Geldgürtel und will gerade sein Geld zählen, da bricht er tot zusammen." Mit dem Tod der Titelfigur endet der Roman und so endete auch Kempowskis Lesung, für die er viel Beifall erntete. Mucksmäuschenstill war es zuvor gewesen, als der Autor Kapitel 33 seines Werks vorgetragen hatte.

In "Letzte Grüße" geht es um den 64-jährigen Schriftsteller Alexander Sowtschick, der sich auf einer vierwöchigen Lesereise durch Amerika befindet. Enttäuscht stellt er fest, dass nicht mal die Veranstalter seine Bücher gelesen haben. Dafür wird er häufig mit Vorurteilen gegenüber den Deutschen konfrontiert. Die Nazi-Vergangenheit seines Heimatlandes ist ein großes Thema. Waren sie auch in Partei und Hitlerjugend?, lautete die meistgestellte Frage.

Pointenreich spielt Kempowski in seinem Roman mit Klischees, Kalauern, Running-Gags und Slapstick-Szenen. Das wurde auch in Uslar deutlich. Er hat ein Auge für Details des menschlichen Miteinanders, die einem oberflächlichen Betrachter kaum auffallen. Aber gerade im scheinbar Unwichtigen werden die komödiantischen Fähigkeiten des Schriftstellers sichtbar. Kempowski ist wahrhaftig ein Meister des hintersinnigen Humors.

Im Anschluss an die Lesung hatten die Zuhörer Gelegenheit zum Gespräch mit dem 76-Jährigen. Unter anderem ging es um die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in seinen Romanen. "Ich bin jetzt fast 80 Jahre alt, da ist das ein Teil meines Lebens", sagte Kempowski. Er habe sich oft die Frage gestellt, wie ein so kultiviertes Volk wie die Deutschen, derart verkommen konnte, Millionen von Menschen umzubringen.

Der Vorsitzende des Literatur- und Kunstkreises, Justus Pahlow, zeigte sich froh darüber, den vielfach preisgekrönten Schriftsteller begrüßen zu können. Die Lesung in Uslar war wegen einer Preisverleihung um einen Tag verschoben worden. Mitte vergangener Woche erhielt Kempowski für sein Lebenswerk den Corine-Buchpreis des bayerischen Ministerpräsidenten. Als weitere Auszeichnungen in diesem Jahr sind der Thomas-Mann-Preis der Hansestadt Lübeck und der Hans-Erich-Nossack-Preis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft zu erwähnen. jörg nolte

Quelle: HNA - Sollinger Allgemeine vom 20. September 2005

Zugriffe: 354