Der Sprach-Virtuose

Veröffentlicht: Montag, 19. März 2007 Geschrieben von Detlef Lang

Harry Rowohlt überzeugte mit exzellenter Bühnenshow im Gasthaus Johanning

Harry Rowohlt

USLAR. Eschershausen. Harry war am Freitag in Eschershausen. Harry? Na, der Landstreicher aus der Fernsehserie Lindenstraße. Eigentlich ist er gar kein Landstreicher, sondern Schauspieler - aber das nur nebenbei. Hauptsächlich beschäftigt sich Verleger-Sohn Harry Rowohlt mit Übersetzungen aus dem Englischen, ist außerdem Schriftsteller und ein glänzender Entertainer. Davon überzeugten sich 130 Besucher auf dem Saal des Gasthauses Johanning.

Selbst nannte der 61-Jährige mit dem zauseligen Graubart seine exzessiven Solo-Bühnenauftritte einmal "Schausaufen mit Betonung". Auch in Eschershausen stand wieder stilecht die obligatorische Flasche mit irischem Whiskey auf dem Bühnentisch. Aber Rowohlt übte sich weitgehend in Abstinenz. Der Grund: Eine Grippe, die ihn dreieinhalb Wochen außer Gefecht gesetzt hatte. Nach der Pause, als er mit einem frischgezapften Bier auf die Bühne schlürfte, bekannte er: "Ich breche jetzt meine Ethanol-Karenz."

Nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht. Der Konsum geistiger Getränke und das fast ständige Glimmen seiner filterlosen Zigaretten ist beileibe nicht das, was Harry Rowohlt ausmacht. Der Mann mit dem Märchenonkel-Bass kann genial mit Sprache umgehen. Seine Lesungen sind eigentlich keine Lesungen im engeren Sinne. Häufig unterbricht er für Kommentare zu den Texten, abschweifende Bemerkungen, Anekdoten und autobiographische Erzählungen. Pointiert weiß er das Publikum zu fesseln.

Mich hat mal bei den Lindenstraßen-Proben jemand gefragt, ob ich HSV-Fan bin. "HSV? HSV? Ist das nicht ein Tennisclub mit angeschlossener Fußballabteilung?", hab’ ich geantwortet.

Harry Rowohlt

Virtuos spielt Rowohlt auf der Klaviatur der Sprache. Wenn er beispielsweise aus seinen Zeit-Kolumnen "Poohs Corner – Meinungen eines Bären von sehr geringem Verstand" liest, lauschen die Zuhörer gebannt. Niemand will etwas verpassen. Spätestens nach vier Sätzen kommt ein treffsicherer Gag. Lachen am laufenden Band ist bei Rowohlt garantiert.

So nebenbei zieht der Gewinner des Satirepreises Göttinger Elch auch gern mal über wen her: Über Herrn Jung, der sich in Leserbriefen immer wieder über seine Kolumnen in der Wochenzeitschrift Die Zeit empört, oder über unbeliebte Veranstaltungsorte wie Bad Bevensen und Bamberg. Keinen Hehl macht der Hamburger Jung’ aus seiner Liebe zum Fußballclub St. Pauli und bekennt: "Ich finde es ökonomisch und ökologisch vertretbar, dass Pauli inzwischen mit der U-Bahn zu Auswärtsspielen fahren kann."

Alles in allem bot Harry Rowohlt ein erstklassiges dreistündiges Programm mit jeder Menge Wortwitz. Oft gab es Szenenapplaus.

Veranstalter der Rowohlt-Lesung war der Literatur- und Kunstkreis Uslar, der unter dem Motto "Wiedersehen macht Freude" zu seinem 20-jährigen Bestehen eine Veranstaltungsserie mit Künstlern aufgelegt hat, die in der Vergangenheit schon einmal im Uslarer Land gastierten. jörg nolte

Quelle: HNA - Sollinger Allgemeine vom 19. März 2007

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