Gänseblümchen und Co.

Veröffentlicht: Montag, 06. September 2010 Geschrieben von Detlef Lang

Gerrit Neuhaus und Gaby Dey inszenieren Harold und Maude im Kulturbahnhof

Gänseblümchen und Co.
Harold und Maude: "Eigentlich wollen die Menschen gar nicht sterben. Sie weichen nur vor dem Leben zurück", erklärt Maude Harold und singt "What a wonderful world". Foto: Porath

USLAR. "Ich bin eine Sonnenblume und glaube, dass sich alles verwandelt", strahlt Maude. "Ich bin ein Gänseblümchen, die sind immer gleich", trauert Harold vor sich hin. Gerrit Neuhaus und Gaby Dey vom Deutschen Theater Göttingen fesselten die Gäste des Literatur und Kunstkreises Uslar im Kulturbahnhof Allershausen als "Harold und Maude", das ungleiche Paar, dessen Geschichte Anfang der 1970er Jahre als Film, Buch und Bühnenstück entstand und noch immer aktuell ist.

Harold ist 19 Jahre alt und arbeitet nur an einem Projekt: seinem Selbstmord. Von düsterer Musik untermalt, suhlt sich Harold zu Beginn ausgiebig in Filmblut, um gleich darauf in eine Doppelrolle zu stürzen, als er nur mit Perücke auf dem Kopf, seine eigene Mutter spielt, für die in dem zwei-Personen-Stück keine eigene Besetzung vorgesehen ist.

Es ist eine alleinerziehende Mutter, die sich Sorgen macht um den 19-jährigen Sohn, sich aber gar nicht wirklich mit ihm beschäftigt, sondern vielmehr das eigene Ego pflegt. Das merkt der Zuschauer spätestens, als sie für ihren Sohn auf einer Online-Dating-Plattform den Fragebogen ausfüllt. Denn eines hat sie dringend im Sinn: Harold soll an die Frau gebracht werden.

Treffen bei Beerdigung

Mit den "Internet-Tanten" klappt es nicht, aber Maude, die Harold auf einer Beerdigung kennenlernt, fasziniert ihn.

Den blassen Harold, stets in schwarze Hose und weißen Rolli gekleidet, und den bunten Vogel Maude unterscheidet nicht nur die Lebenseinstellung, sondern auch das Alter. "Wie alt bist du?" fragt Harold, als Maude von ihrem Geburtstag spricht. "104" antwortet sie, die wesentlich ältere, die anders als er, keine Angst mehr hat vor dem Leben. "Das Bekannte kenne ich und das Unbekannte will ich kennenlernen" wirft sie ihm unbekümmert entgegen, der von sich selbst sagt "ich habe nicht gelebt. Ich bin immer gestorben."

Die Faszination wird für Harold zur Liebe, in dem nur 60 Minuten dauernden Stück geht das ganz schnell. Doch Maude geht ihren eigenen Weg. Gerade in dem Augenblick, als der Zuschauer etwas aus der Spannung entlassen wird, weil Harold nicht mehr mit Harakiri-Schwert, Pistole oder Sprengstoff fummelt. Maude trinkt ein Glas Champagner mit ihm, auf ihren Geburtstag, sagt, "ich habe Tabletten genommen", legt sich hin und stirbt. Harold bleibt aufrecht, statt wie erwartet zusammenzubrechen, und geht.

Der Überraschungsmoment ist gelungen und es dauert eine Weile, bis die Zuschauer das Ende begreifen und der Applaus einsetzt: Für eine gelungene Inszenierung, in der es bis zum Schluss irritierend spannend blieb. (yp)

Von Gudrun Porath

Quelle: HNA - Sollinger Allgemeine vom 06. September 2010

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